Tod im Neptunbrunnen – Taser oder sanfte Worte?

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Symbolfoto

Frau Clarissa Schulz ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurobiologie und arbeitet seit 6 Jahren in der geschlossenen Psychiatrie. Sie hat täglich mit Menschen zu tun, die sich in psychischen Ausnahmezuständen befinden. Wenn es aggressiv zugeht, weiß sie wie man verwirrte Menschen anspricht und beruhigen kann. Aber manchmal müssen die Angestellten der Klinik auch hart zupacken. „Keine angenehme Angelegenheit“, sagt sie, aber um das Leben des Patienten zu bewahren und auch Mitpatienten zu schützen, haben wir manchmal keine andere Wahl.

Können sie uns kurz Ihren Alltag in der Klinik beschreiben? Wofür sind sie zuständig? 
Ich bin Stationsärztin in der Allgemeinpsychiatrie einer sogenannten „geschlossenen Psychiatrie“ in Berlin.
Meine Aufgabe ist die Diagnostik, Behandlung der Patienten, sowie die Ausbildung der Lehrkräfte und Ausarbeitung von Therapiekonzepten, und die ständige Weiter- und Fortbildung der Mitarbeiter einer Psychiatrie.

Wie oft erleben sie diese emotionalen Hocherregungen bei Patienten?
Wir haben täglich mit Patienten in emotionalen Erregungszuständen zu tun, die ein Patient für sich selbst sowohl positiv wie auch negativ empfindet.

Wie erklärt sich die Entstehung einer psychischen Erkrankung aus heutiger Sicht?
In den meisten Fällen gehen psychische Erkrankungen mit extremen emotionalen Erlebnissen einher, die in der Vergangenheit erlebt wurden. Diese können durch Traumata, wie Stress, Angst, Misshandlungen, Drogen und Alkoholmissbrauch, respektive Sucht entstehen. Auch genetische Defekte, oder Hirnstoffwechselerkrankungen spielen eine Rolle. Wir beobachten ebenso mit stetig steigender Tendenz die Zunahme von Demenzerkrankungen, die ab dem fünfzigsten Lebensjahr beginnen können.

Wie kann es geschehen, dass eine psychisch erkrankte Person in diese hochgradig emotionalen Zustände gelangt?
Auslöser für emotionale Erregungszustände können eine Person, eine schon mal erlebte Situation, Musik oder irgendetwas sein, dass eine Verbindung zu einem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit herstellt. Der Patient ist sich in diesem Moment nicht im Bilde darüber, dass schon alleine durch eine Mimik oder Gestik einer fremden Person unschöne Erinnerungen hervorgerufen werden können und gerät oftmals in Panik.

Es gibt Aussagen darüber, dass der Mann im Neptunbrunnen seine Medikamente über eineinhalb Tage nicht einnehmen konnte. Kann ihn das in diese Lage gebracht haben?
Ja, generell ist es so, wenn eine Therapie abgebrochen wird und die verordneten Medikamente nicht mehr eingenommen werden. Es kann dann zu Wahnzuständen kommen, die sich in akustischen- Geruchs- und Leibeshalluzinationen äußern. Patienten beschreiben dann, dass sie Stimmen hören, die ihnen etwas sagen, oder auch Handlungsaufforderungen geben. Sie berichten dann von Personen, die sie sehen oder auch riechen können, die aber nicht real existieren.

Warum werden Menschen, vielleicht auch des öfteren von der Polizei zu Ihnen gebracht?
Patienten die von der Polizei gebracht werden, gelten als „auffällig“. Nachbarn, Passanten etc. empfinden die Person als „nicht normal“. Vielleicht sind sie halb oder ganz ausgezogen, beschimpfen oder drohen jemanden, oder auch im Gegenteil, umarmen fremde Menschen, machen Ihnen Geschenke ohne Grund, sind vollkommen distanzlos und ungehemmt. Wenn die Person jemand anderen verletzt hat, ist die Psychiatrie nicht zuständig. Dann handelt es sich um eine Straftat und der „Täter“ wird unabhängig von seinem seelischen Zustand zunächst in U-Haft genommen und dort von JVA Ärzten und Psychologen untersucht. Hier kommt der Maßregelvollzug zum Tragen.
Wie gehen sie weiter vor?
Zunächst stellen wir für einen gesunden Menschenverstand recht banale Fragen, die einen geistig verwirrten unter Umständen schon überfordern können. Ein geistig verwirrter, oder psychisch erkrankter Mensch hat eine eigene Realität in der er lebt, die es nicht zu zerstören gilt. Die Fragen belaufen sich auf seinen Namen, Geburtstag, und den Aufenthaltsort. Sollte der Patient lange überlegen oder gar die Fragen nicht oder falsch beantworten gilt er zunächst als desorientiert. Sollten Handlungen einhergehen wie drohen, schimpfen, mit Gegenständen schmeißen, oder Gewalt anwenden, ist dieser außerdem wahnhaft. An dieser Stelle ist nun das gesamte Team gefordert. Unter besonderen Umständen wird noch zusätzliches Personal von anderen Stationen angefordert. Die Polizei darf hier nicht mehr dabei sein, mit Ausnahme eines Richters und eines Amtsarztes.

Wie deeskalieren sie in einer Aggressiven Situation?
Die Situation wird deeskaliert, in dem man sehr schnell herausfindet, wer am meisten Zugang zum Patienten hat. Wir versuchen mit psychologischen Techniken Vertrauen aufzubauen, um den Patienten zu beruhigen. Dies geschieht immer unter hoher Personalpräsenz um Fehlhandlungen zu vermeiden. Sollte sich ein Mitarbeiter aus irgendwelchen Gründen nicht im Stande sehen, objektiv und professionell zu bleiben, verlässt dieser ebenfalls unkommentiert den Raum. Kann der Patient nicht beruhigt und kein Vertrauen aufgebaut werden, sondern die Panik oder Aggressionen werden stärker, darf und muss bei Gefahr in Verzug durch richterliche Anordnung der Patient eingegrenzt werden.

Was bedeutet eingrenzen?
Jeder Patient hat das Recht Hilfe abzulehnen, auch geistig stark verwirrte, wenn aber Selbstgefährdung oder Gefährdung anderer besteht, werden dem Patienten Grenzen gesetzt. Die Personalpräsenz grenzt schon einmal ein. Es heißt er kann nicht weglaufen, dass ist Freiheitsberaubung, jedoch unter diesen Umständen rechtlich und medizinisch vertretbar. Außerdem wird ständig mit ihm gesprochen, auch wenn er das nicht will. Solange bis er sich beruhigt oder eben fixiert und medikamentös behandelt ist.

Wie geht das Personal mit Beschimpfungen oder Gewaltausbrüchen um?
Beschimpfungen seitens des Patienten gilt es nicht zu erwidern. Satt dessen werden immer wieder Hilfsangebote gegeben. Der Patient wird darauf hinweisen, dass man ihn unter Umständen gegen seinen Willen festhalten und auch für 24 Stunden in ein Fixbett legen darf. In den meisten Fällen kommt es nicht dazu und der Patient gibt nach. Sollte es gar nicht zu regeln sein, und der Patient wendet Gewalt an, gibt es den sogenannten „Nasenkantenschlag“, den aber nur ausgebildete Menschen anwenden dürfen. Dieser setzt den Patienten für eine kurze Zeit außer Gefecht. Eine Verletzung entsteht dadurch nicht. Sollte es dennoch zu einer Verletzung kommen, wird diese protokolliert und die Klinik muss für den Schaden aufkommen. Dann wird der Patient fixiert, und erhält Medikamente, die ihn von seinem Wahn befreien. In dieser Zeit wird er bis zu 24 Stunden ständig überwacht und mit Flüssigkeit versorgt. Sobald der Patient zu sich kommt und nicht mehr wahnhaft ist, wird er angesprochen. In der Regel können dann alle Fragen beantwortet werden, da der Patient nicht mehr halluziniert.

Kommt es oft zu tätlichen Angriffen von Mitpatienten bei Selbstverletzern?
Selbstverletzungen kommen eher im Wahn vor, dass bedeutet der Patient weiß nicht, was er gerade tut. Er hat keine Absicht sich zu töten. Tatsächliche Suizidversuche geschehen eher im verzweifelten Zustand oder auch bei klarem Verstand.
Ansonsten gibt es die sogenannten Skill Patienten die sich selbst ritzen, diese greifen andere Menschen nicht an. Im Gegenteil, sie verstecken das vielmehr.
Krankheiten wie paranoide Schizophrenie oder einem Delir können mit Angriffen einhergehen. Die Aggressionen richten sich meist gegen das Klinikpersonal. Das kommt aber sehr selten vor.

Wie wird das Personal auf solche Gewaltausbrüche vorbereitet?
Um zu gewährleisten, dass Aggressionen nicht in Gewalt ausarten, werden alle Psychiatrie Kollegen unabhängig welcher Hierarchie verpflichtet. regelmäßig am Deeskalationstraining teilzunehmen. Ebenfalls gibt es einen Zirkel der wöchentlich stattfindet. Hier finden Rollenspiele statt. Die Mitarbeiter werden in die Situation eines psychisch Kranken versetzt, um seine Handlungen besser verstehen zu können.
Da es für niemanden eine gute Sache ist, einem Menschen Zwang anzudrohen und ihm ein Stück Freiheit zu nehmen, um es ihm wieder geben zu können, kommen regelmäßig externe Psychologen, die mit den Mitarbeitern solche Situationen aufarbeiten.
Am Anfang jedes Treffens wird gefragt, ob es eine konkrete Situation gibt, die jemand besprechen möchte. Da wird auch mal die Wut auf einen Patienten ausgesprochen. Vorbereitet sind wir eigentlich immer auf Gewaltausbrüche, aber zum Glück kann man die Situation oft deeskalieren.

Wie hätte man sich aus ihrer Sicht am Neptunbrunnen verhalten sollen?
Man sollte niemals drohen. Unsere Realität ist: da ist ein nackter Mann in einem Brunnen, blutet an der Brust und fuchtelt mit dem Messer rum. Wie seine Realität aussieht wissen wir erstmal nicht. Also auf Distanz fragen, was ist los? Wie geht es? Warum er ausgezogen ist, und was er in der Hand hält und warum? Wenn er dass nicht weiß, von vorne ablenken, von hinten und der Seite kommen, im beruhigenden Ton sprechen. Messer wegnehmen. Wenn er antwortet oder schreit er wird bedroht und er muss die Mörder alle ausschalten, niemals zusätzlich drohen. Ehrlich sein, sagen hier sind keine Mörder und wir holen Sie da raus. Dann mit Gewalt das Messer wegnehmen und medizieren, damit „die Mörder“ verschwinden.

Der Name der Interviewpartnerin wurde geändert.

Mehr zum Thema auf SKK:

Nackter Mann von Polizist im Neptunbrunnen erschossen. Zeugen sagen aus.

One Comment to “Tod im Neptunbrunnen – Taser oder sanfte Worte?”

  1. Man darf also von der Polizei in eine Psychatrie gezwungen werden, sobald man sich ausgezogen zeigt, jemanden (möglicherweise mit Grund) beschimpft, oder fremden Geschenke macht?????????
    Oder nur weil Leute einen als auffällig bezeichnen?
    Hatten wir das nicht schonmal?
    Ach ja richtig, der nächste Schritt war dann, festzustellen, ob das Leben der „armen Irren“ noch lebens- oder lebensunwert ist und im Fall von lebensunwert wurde dann passend mediziert und diätiert um dasselbige umgehend zu beenden.
    Na denn, sollte beim nächsten Nacktbaden die Polizei einen mitnehmen wollen, nicht vergessen, noch jemanden zu verletzen, mit etwas Glück ist man nach ein paar Monaten schon wieder aus dem Gefängnis entlassen. -.-

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