LEUTE!!! ICH – BRAUCHE – DIRK!!!!!!! Wenn Ihr meinen Post sorgfältig lest, und dazu möchte ich jeden und jede einladen, dann stellt Ihr fest, dass ich 1. Dirk Voltz hundertprozentig vertraue, 2. Den Chatverlauf mit ihm per strg c + v hier wiedergebe, 3. ALLE INFORMATIONEN, DIE MIR ZU DEM GESCHEHEN VORLIEGEN, IN ECHTZEIT DIESES CHATS empfangen habe – zusätzlich ausschließlich noch aus dem Kontakt mit Khaled, der mehrfach versucht hat, Dirk telefonisch zu erreichen, um seine Übersetzerfähigkeiten einzubringen. Dirk hat ihn weggedrückt und direkt danach dazu geschrieben, er ist in der Klinik bzw. er kann gerade nicht telefonieren.
Bis Dirk sich meldet und die Informationen, die jetzt allen zu dem Vorkommnis fehlen, preisgibt – nämlich WELCHES KRANKENHAUS, WELCHER KRANKENTRANSPORT, NAME DES BETROFFENEN – bitte ich Euch, den Post NICHT weiter zu teilen, sondern nur Eure Shares mit diesem Edit zu ergänzen, bitte. Diese Informationen MÜSSEN jetzt an Polizei und die auf allen möglichen Ebenen mutmaßende Presse weitergegeben werden.
Das kann ich nicht, das kann nur Dirk.
Keiner erreicht ihn, er meldet sich bei niemandem, Mutmaßungen, wieso das der Fall ist, verbieten sich zu diesem Zeitpunkt. Weil nur eine Person etwas dazu sagen kann, und das ist er selbst.
Darüberhinaus möchte ich darauf hinweisen, dass alles, was ich zu dem Fall über ihn weit, weit hinausgehend subjektiv kommentiert habe aus den wochen – und monatelangen Erfahrungen am LAGeSo davon unbenommen ist! Die Fehlgeburten, die Herzinfarkte, der entführte und ermordete Junge, die zahlreichen Rettungswageneinsätze nachts, die Wiederbelebungen auf dem Gelände, das stunden – und tagelange Warten in der Kälte – all das ist bestätigt, und die Gefühle, die ich von den letzten Anwesenheiten auf dem Gelände schildere, sind meine und ich habe sie zitternd und unter Tränen in die Tastatur gehackt, nachdem Dirks letzter Satz im Chat erschienen war.
Ich hatte a) aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit eines solchen Vorfalls sowie b) aufgrund der Art und Weise des Chatverlaufs mit Dirk keinerlei Anlass, anders als authentisch und hoch emotional zu reagieren, so wie ich es getan habe.
Und deshalb lasse ich diesen Post, mit der hinzugefügten Bitte, bis zu Dirks Preisgabe der notwendigen Informationen nicht weiter zu teilen – damit es vollständig geteilt werden kann, wenn die Informationen vorliegen! – auch online.
Auf Anfragen, Nachfragen und Nachhaken werde ich bis dahin in keinster Weise reagieren, denn dazu
BRAUCHE – ICH – DIRK!!!!!!!

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Die erste Veröffentlichung der Helferin 

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So. Jetzt ist es geschehen. Soeben ist ein 24-jähriger Syrer, der tagelang am Lageso bei Minusgraden im Schneematsch angestanden hat, nach Fieber, Schüttelfrost, dann Herzstillstand im Krankenwagen, dann in der Notaufnahme – VERSTORBEN.

Wer übernimmt hier Verantwortung? Wer stellt sich der Schuld, die die versagende Verwaltung oder der politische Wille – wer weiß noch, was hier vor sich geht? – jetzt auf sich geladen haben?

Wie wollt Ihr damit jetzt umgehen? Weiter verschieben, vertuschen, schönreden? Reagieren? Egal, was Ihr tut: Dieses Opfer eines Menschenlebens hätte verhindert werden müssen.
Wir haben es alle kommen sehen. Und nicht seit zwei Tagen. Seit einem halben Jahr.

Jetzt ist es zu spät. Er ist tot.

Seit einem halben Jahr sehen wir Anwohner, was geschieht. Seit einem halben Jahr helfen wir, rennen, pflegen, ernähren, versorgen, heilen… und sagen immer wieder, es wird Tote geben, wenn das so weiter geht. Und es wird heruntergespielt, beschönigt, weggeredet. Es wird so getan, als sei das alles normal, nur eine kleinere Verwaltungskrise, bald haben wir alles im Griff, wir verbessern hier ein bisschen und schrauben da ein wenig, das wird schon.

Mindestens vier Fehlgeburten haben nicht gereicht – sind das keine Toten? – ein ermordetes Kind, das aus dem Chaos entführt werden konnte, hat nicht gereicht – ist das kein Toter? – mehrere Wiederbelebungen auf dem Gelände, Herzinfarkte, Diabetes-Schocks, allnächtliche Rettungswagen-Einsätze für kollabierte Personen und so weiter und so weiter haben nicht gereicht, um klarzumachen: Das hier ist keine ideologische Diskussion.

Wir melden Bedarf an, nicht aus Prinzip oder Lustigkeit. Es geht hier um Menschen mit Augen, Ohren, Kälteempfinden… um Kinder. Um Alte.
Und kein Vertun: Die Situation am Lageso ist weiterhin lebensbedrohlich.
Während ich diese Zeilen schreibe, geht es zwei Straßen entfernt munter so weiter.

Der Junge, der jetzt gestorben ist, war 24. Einer der „jungen, gesunden Männer“, die ja alles abkönnen, um die sich keiner kümmern muss, und die in erster Linie misstrauisch beäugt werden – was wollen die hier? Wieso sind die nicht im Bombengebiet geblieben? Wieso versuchen sie, aus der Ferne die Situation ihrer Familie zu verbessern, wenn sie es doch in der Nähe, im Krieg …GARNICHT können? Und Nein, an die Hasser, in Syriens Bürgerkrieg ist „sollen sie doch eine Waffe in die Hand nehmen und IHR LAND verteidigen“ keine Option, informiert Euch mal, wer da so alles mit welchen überdimensionierten Mitteln bombardiert und gut ausgestattet unterwegs ist – und dass „eine Waffe in die Hand nehmen“ im Zweifelsfall immer gegen die eigenen Landsleute geht. Der eine Ex-Soldat Assads, ja, Deserteur, den ich am Lageso kennenlernen durfte war geflohen, weil er die Greueltaten „seiner“ Armee nicht mehr mitanschauen konnte. Weil seine „Hört auf, lasst sie in Ruhe“ – Rufe nichts nützten. Ins Gespräch kamen wir, weil er mich um eine Decke bat. Damit er mit Fieber die Nacht nicht draußen verbringen musste – Decke hin oder her! – brachten wir ihn privat unter.

Der Junge, der jetzt gestorben ist, hat es bis hierher geschafft, und wir – unser Staat, unsere Gesellschaft, unser Land! – haben ihn weniger als geschützt.

Wochenlang war ich nachts am Lageso. Privatpersonen haben mittlerweile tausende Menschen notbehelfsmässig untergebracht, die wir von dort aus vermittelt haben – darunter so viele Kinder.
Dabei bin ich drei Mal so krank geworden von der Kälte und Nässe, dass ich es schließlich aufgeben und meine Hilfe auf tagsüber verlegen musste. Wochenlange Erkältungen und Arbeit mit Sängern von Weltklasse vertragen sich nicht derart gut.

Ich hatte die Wahl. Jedes Mal, wenn ich von dort wegging, ging ich mit dem Schauder des Bewusstseins, ein absolutes Privileg im Vergleich zu Hunderten zu haben – weggehen zu können. Ich hatte keine Ahnung, wie die Menschen die Kälte überhaupt aushielten – aushalten! In den dünnen Kleidern, die ich direkt vor mir sah, fragte ich mich aus meiner frierenden Vermummeltheit mit fünf Kleiderschichten: Wie halten sie das aus? Ganz einfach. Abwesenheit von Wahl.

Während ich das schreibe, ist die Situation zwei Straßen weiter diesselbe – solange nicht eine Jacke, nicht eine Mütze, nicht ein Schlafsack vom Senat bezahlt wurden, muss man es so beschreiben. Auch wenn die unglaublich starken Helfer, die dort Jacken, Mützen, Schals, heiße Getränke und Suppe verteilen Abhilfe schaffen und sich investieren in einem Maße, das sich keiner vorstellen kann, der nicht mitgemacht oder es nicht wenigstens mit eigenen Augen gesehen hat. Dass sie ganz konkret und tatsächlich Leben retten, dürfte spätestens jetzt klar sein.

Letzten Freitag, wo ich lediglich für einen Syrer den Einstellungsbescheid abholen wollte und mit vier anderen besprechen, was jetzt die nächsten Schritte sind, habe ich das erste Mal auf dem Heimweg geweint. Bis dahin war das Vertrauen, dass diese Stadt, dieses Land doch irgendwann den humanitären Knall hören muss, immer noch nicht ganz gebrochen – dass es eben dauert, dass wir aber die funktionierenden Verhältnisse, die wir gewohnt sind, doch irgendwann wieder erleben werden, auch im Lageso-Kontext.

Aber diesmal war es nicht nur einfach zu kalt. Es waren nicht nur die vielen, vielen Menschen, die in der Kälte standen, die weinenden Kinder, Menschen jeden Alters, die verzweifelt warteten – es war das Gefühl, dass sich etwas geändert hat auf dem Platz. Dass etwas weggefallen ist: Das Gefühl der vorübergehenden Ausnahmesituation… das war weg. Präsent war stattdessen ein neues: dass sämtliche Alarmstufen sowohl in den Medien als auch von diversen, doch bedeutenden Politikern schon durchlaufen sind, dass schon lang genug laut genug geschrien wurde, und dass eine neue Stufe erreicht ist – eine Stufe der Verzweiflung, in der schon alles gesagt ist und die Situation in ihrer ganzen Dimension eine Art von Normalität erreicht hat. Dass die Flimmerhärchen in sämtlichen Gehörgängen so überreizt und überbrüllt sind von dem Thema, weil sich die zu den Ohren gehörenden Körper nicht in Bewegung gesetzt haben, dass sie sich auch nicht mehr in Bewegung setzen werden und also kein Schrei mehr nützt.

Ich kenne zu viele, die aufgeben, die sich nicht mehr hintrauen. Die schon Tage vor ihrem berühmten „Termin“ Panikattacken haben, Bauchkrämpfe… ja man staunt, das sind Menschen!!! Die haben ANGST vor dem Lageso. Ein Junge postet ein Foto auf Facebook, wo ein Schmetterling an einen Stein gebunden versucht zu fliegen und den Stein zu ziehen, um sich am Tag vorher Mut und Zuspruch zu holen. Ich habe auch Angst, wenn ich für jemanden hingehe. Die Knie zittern hunderte Meter vorher. Gottseidank, gottseidank gibt es furchtlose Helfer, Helfer, die nicht krank werden, Helfer, die ihren Beruf temporär auf Eis legen, die seit Monaten durchhalten und bleiben und weitermachen und tagelang und stundenlang dort sind und helfen helfen helfen!!! Ihr rettet Menschenleben.
Dirk Voltz, der den Jungen aufnahm, war selbst bis vor wenigen Tagen länger im Krankenhaus – Erschöpfungszustand. Er hat den Krankenwagen gerufen, ist mirgefahren – jetzt ist er zuhause und muss mit dem Geschehenen irgendwie klarkommen. Wird dieser Staat Verantwortung übernehmen? Wird der Helfer, der den Jungen zu retten versuchte, und das Notaufnahme – Team eines Berliner Krankenhauses jetzt auch mit dieser Last allein gelassen?

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Der Chat von Reyna Bruns mit dem Begleiter des 24. Jährigen Flüchtlings, der auf dem Weg zum Krankenhaus verstarb

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ICH >> Brauchst du Gesellschaft?
Darf ich unsern Chat zitieren. Ich schreib grade. Kann nicht anders. Wütend, traurig, alles!!!!
du kannst mich immer zitieren, ich werde jetzt erst einmal heulen. Vielen Dank, ich sitze im Taxi zurück in meine Wohnung. Geht schon. Muss ja. Aber ich werde mich erst einmal ein paar Tage abmelden

>>Natürlich!!!!!!
Heul hier und hau in die Tastatur gleichzeitig

Eigentlich bin ich müde und will gleich mal schlafengehen, es ist schon spät, langer Probentag vor mir und so… da erreicht mich folgende Nachricht:

2:11am

Oh Mensch Reyna, das geht so alles nicht mehr. was können wir tun?
Ich finanziere seit Monaten Menschen, jetzt werden die auch noch krank
hab gerade einen Mann hier liegen, überlege, ob ich einen Krankenwagen rufen muss

>>Echt??? Was haben die? Oh Gott
Was hat er?
ich weiß es nicht, er hat 39,4 Fieber, SChüttelfrost und kann nicht mehr sprechen. Ich denke, ich rufe einen Krankenwagen jetzt

>>Mach das definitiv!!!
Sag Bescheid wenn Du Hilfe brauchst! Ich komm auch vorbei
danke, hab angerufen
Ok, sitze im krankenwagen herzstillstand

>>ich glaubs nicht F***!!!!!!!! (…) Brauchst DU dort support??? Ich komm vorbei und halt Deine Hand das kann doch nicht sein Du bist doch selbst noch krank
Geht Arabisch – Englisch – Übersetzung auch??? Hasan ist noch wach
Mein Freund Matthias ist Arzt, er bringt wen mit. zum übersetzen
meld mich gleich

>>Ich geb Khaled deine No per Telefon sofort möglich
Er hat versucht dich anzurufen, er macht das fantastisch – Muttersprachler und liebster Mensch – geht das per Telefon und hilft bis der von Matthias kommt?
Danke Reyna, bin in Klinik Matthias ist jetzt hier. Kann ich Khaled noch etwas anrufen?
Kann er mich adden, bitte?

>>Ja!
Ich sag’s ihm
Hab dir seine nr auch geschickt – du hast ihn grade scheint’s weggedrückt
bin in klini
k

>>Kannst nicht trl.?
Der hält sich grade für euch noch wach
Nein, er stirbt. kann nicht telenieren

>>Dirk du darfst in der Situation nicht allein sein. Schnips mit dem Finger und ich komm.
Name Klinik reicht
Er ist gerade verstorben Ich melde mich hiermit offiziell ab

>>Ich bin mit allem, was ich habe an Geist und Herz bei dir. Jetzt, den Rest der Nacht und morgen und immer. Tränen

…an eine Freundin…
Julia, der Junge ist soeben verstorben. Was machen wir denn alle jetzt??? Was machen wir bloss? Ich flenne hier nur noch und bin wütend und so verzweifelt… Weil nichtmal vier oder mehr Fehlgeburten nichtmal ein ermordetes Kind nichtmal ein 24-jähriger mit Fieber und Herzstillstand der jetzt TOT ist etwas ändern werden. Und wenn sie nach diesem Menschenopfer etwas ändern dann haben wir alle seit Monaten gesehen dass das geschehen musste. Aber sie werden sich aus der Verantwortung winden. Vielleicht hatte er eine nicht erkannte Herzkrankheit. Dann war die schuld und nicht die Strapazen am Lageso. Jetzt ist alles aus das macht niemals irgendwer wieder gut!!!!!

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Der folgende Post eines Freundes tauchte auf der Moabit Hilft facebookseite auf, nachdem sich Dirk bereits abgeschaltet hatte. 

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Ihr lieben Leute,

zum aktuellen Thema:

Ich hatte den letzten schriftlichen Kontakt zu Dirk um 14:42. Dort schrieb er, dass er mit der Polizei redet.
Eben war ich vor seiner Haustür und konnte kurz mit ihm über die Gegensprechanlage sprechen.
Er wirkte gefasst und sein Lebensgefährte ist bei ihm.

Bitte hört auch mit den Spekulationen. Bisher deutet NICHTS darauf hin, dass Dirk diese Geschichte erfunden hat.

Bitte respektiert, dass er erstmal Ruhe braucht um das ganze zu Verarbeiten.

Er wird sich bestimmt schnellstmöglich äußern.

Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Liebe Grüße
Thorsten

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